Projekt der Friedensschule/Gartz

Nach jahrelangem Schweigen - nun verzeihen
Alte und junge Menschen im Gespräch zum Thema Vertreibung / ORB-Fernsehsendung über den Rosower Förderverein am 12. März
von Marita Poschitzki
Zum Thema Vertriebene fand in dieser Woche eine Begegnung zwischen deutschen und polnischen Schülern der Gartzer Friedensschule und Einwohnern aus Rosow statt. Die Elftklässler hatten sich in einem Projekt mit dem Thema Vertreibung beschäftigt und in Rosow hatten sie nun Gelegenheit, sich mit Menschen zu unterhalten, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Heimat vertrieben wurden.
"Wir versuchen, in Rosow eine Gedächtniskirche, einen Ort des Gedenkens für die vielen Vertriebenen zu schaffen und wollen die Geschichte für die junge Generation aufarbeiten.

Nach 1945 war sowohl in Deutschland als auch in Polen  die Vertreibung ein Tabuthema", erzählte Wolfgang Kaddatz den jungen Leuten. Und er weiß, wovon er spricht, denn er stammt aus Stettin und musste 1945 die Stadt in Richtung Osten verlassen.
Die anfängliche Hoffnung, wieder in die Heimat zurückkehren zu können, erwies sich als eine Vision, die sich in Luft auflöste, als die Siegermächte die Grenzen neu festlegten. "Es wurde lange geschwiegen, nun geht es darum, gegenseitig zu verzeihen", erläuterte Wolfgang Kaddatz.
Verzeihen kann auch Irmgard Döbler, die in Gryfino (Greifenhagen) aufgewachsen ist. "Es war damals eine schwere Zeit, wir hatten fast alles verloren. Als der Krieg vorbei war, wollten wir zurück in unsere Heimat, aber es ging nicht mehr. Ich blieb mit meiner Mutter in Rosow", erinnert sich Irmgard Döbler. "Früher war ich traurig, wenn ich an meine Heimat dachte, aber das ist vorbei. Mit meinem Mann fahre ich öfter mal in die alte Heimat und beim Bummeln durch die Stadt erinnere ich mich an das alte Gryfino, an mein Gryfino", antwortet Irmgard Döbler auf eine Frage von Marta Ludwiniak, die in Gryfino lebt und in Gartz das Abitur macht. Im weiteren Gespräch stellt sich heraus, dass Irmgard Döbler auf die gleiche Schule gegangen ist wie Martas Mutter. Marta erzählt in einem sehr guten Deutsch, was sich in ihrer Stadt Gryfino verändert hat und fragt dabei immer wieder nach, ob sich Irmgard Döbler an das eine oder andere Detail noch erinnern kann. Sie kann, wenn es da auch einige Lücken gibt, aber mit Hilfe von Martas Erläuterungen lassen sich diese schließen.
Eine Woche lang haben sich die Mädchen und Jungen der Gartzer Friedensschule dem Thema der Vertreibung gewidmet. "Die Idee für dieses Thema ist im Unterricht geboren", erzählt Lehrer Ralf Lesener. "Die Jugendlichen haben sich sehr intensiv damit auseinander gesetzt und viel Material zusammen getragen." "Wir hatten uns drei polnische Bürger eingeladen, die über ihre Vertreibung von Polen nach Russland bis nach Sibirien erzählten. Das war sehr ergreifend und ich halte es für wichtig, sich damit zu beschäftigen, um nicht zu vergessen", erzählte Olga Tymejczyk. "Unsere Dokumentation mit den Ergebnissen kann man in der Schule einsehen", berichtete Toni Picker aus der Klasse 11a.
Zum Tag der offenen Tür der Gartzer Friedensschule an diesem Sonnabend werden die Schüler und Schülerinnen ihre Ergebnisse der Projektwoche präsentieren. "Ich könnte mir gut vorstellen, dieses Material auch in der Rosower Kirche in einer Ausstellung zu zeigen", erklärte der Fördervereinsvorsitzende Karl Lau.
Über diese Begegnung in der Rosower Kirche sowie über die Vorhaben des Fördervereins "Gedächtniskirche Rosow" dreht der ORB derzeit einen Film, der am 12. März um 21 Uhr in der Sendung "Himmel und Erde" ausgestrahlt  wird.