18. Mai 2014

"Die folgende Abhandlung ist im Wesentlichen eine bertragung eines polnischen Aufsatzes von Dr. Andrzej Talarczyk (Original unter www.kolokwiarz.pl/category/wydarzenia), die zunchst von ihm selbst bersetzt worden ist, danach aber noch von Karsten Scheller redigiert und zur Verdeutlichung an einigen Stellen geringfgig ergnzt wurde. In ihr wird nach einigen grundstzlichen Ausfhrungen der Verlauf des Kolloquiums vom 18. Mai 2014 – durch Bilder ergnzt – ausfhrlich dokumentiert."

18. September 2014
TALARCZYK ANDRZEJ
Szczecin

Der grenzberschreitende deutsch-polnische Dialog in Żabnica und Rosow in zwei
(ersten ermutigenden) Schritten

    ber die neue  Initiative im Odergebiet und ihre Modellhaftigkeit vor dem Hintergrund der gesamtpolnischen Aktivitten einige Worte

Solange die Welt besteht...[kann der Deutsche dem Polen ein Bruder sein?]

    Deutsch-polnische Vershnung ist eine Aufgabe, die noch nicht zu Ende gelst ist. Sie muss sich auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens vollziehen, beginnend mit dem gemeinsamen Gedenken der Vergangenheit – nicht nur der eigenen –, ber die "Einverleibung" des kulturellen Erbes bis hin zur Wahrnehmung seiner universellen Werte. Nach symbolischen Gesten in der groen Politik kam die Zeit fr die  mhselige "Basisarbeit" der Neugestaltung der Nachbarschaft auf lokaler Ebene – nicht in Anlehnung  an groe Losungen, sondern an das eigenntzige Interesse, das mit dem kommunalen Interesse des Nachbarn auf der anderen Oderseite bereinstimmt. Es ist ganz einfach eine neue Realpolitik, die durch die Gestalter des gesellschaftlich-kulturellen Lebens, die nicht selten aus den akademischen Kreisen hervorgehen, initiiert wird. Das sind Herausforderungen fr die neue Epoche.

Neue Anfnge und neue Axiome

    Im Jahre 1990 entstand in Olsztyn (Allenstein) der Verein Kulturgemeinschaft Borussia, der sich zum Ziel setzte, wie man es in seinem Grundsatzprogramm nachlesen kann, "das Aufbauen und Vertiefen der Kultur des Dialogs und der Toleranz zwischen Menschen unterschiedlicher Nationen, Glaubensrichtungen und Traditionen sowie das gemeinsame Gestalten der Zivilgesellschaft". Mittel und methodologische Anstze fr die Realisierung dieser Ziele sind u. a. die Konzeption des offenen Regionalismus (Robert Traba), weit aufgefasste Bildungsaktivitten und der Schutz des Kulturraumes. Die Vereine "Grlitzer Kreis" und "Koło Zgorzeleckie", die 1992 nach der deutsch-polnischen Konferenz in Grlitz zum Thema  "Vorurteile zwischen Deutschen und Polen" gegrndet wurden und die nach Belebung der grenzberschreitenden regionalen Zusammenarbeit strebten, wurden zur Plattform der alljhrlichen Begegnungen der deutschen und polnischen Wissenschaftler, auf denen nicht nur die Probleme der gegenseitigen Vorurteile, sondern vor allem die Wissensdefizite ber die Geschichte und Kultur des Nachbarn und die Mngel an Erfahrungen in interkulturellen Begegnungen besprochen werden. Regelmig veranstaltete polnisch-deutsche Konferenzen der jungen Germanisten sind – wie es der Verein der Polnischen Germanisten auf seiner Internetseite  mitteilt – eine Form der Ttigkeit dieser Kreise. Doktoranden von Universitten der beiden Lnder haben hier Gelegenheit, eigene Leistungen zu prsentieren und Erfahrungen unter der Aufsicht von hervorragenden Vertretern dieser wissenschaftlichen Disziplin auszutauschen.

    Seit 1994  erscheint die neophilologische Zeitschrift ORBIS LINGUARUM: legnickie rozprawy filologiczne“ ("Orbis Linguarum: Liegnitzer philologische Abhandlungen"). Sie ist vor allem der Geschichte der deutschen und polnischen Kultur in Schlesien gewidmet. Herausgegeben wurde sie ursprnglich durch das dortige Lehrerkolleg fr Fremdsprachen in Zusammenarbeit mit dem Institut fr Deutsche Philologie der Universitt Wrocław (Breslau). Seit 2004 ist das Breslauer Institut fr Germanistik alleiniger Herausgeber. Dasselbe Institut ediert seit dem Jahre 1997 ebenfalls die Buchreihe  WYDANIA SPECJALNE ORBIS LINGUARUM (Sonderausgaben von Orbis Linguarum) u. a. in polnischer und deutscher Sprache zum selben thematischen Bereich. Der Herausgeber dieser zweiten Reihe ist der Verlag ATUT – Wrocławskie Wydawnictwo Oświatowe (ATUT Breslauer Bildungsverlag), der in Erweiterung der grenzberschreitenden Zusammenarbeit mit dem Dresdner  Neisse Verlag seit 2005  in deutscher Sprache die Vierteljahresschrift Silesia Nova ediert, die die Problematik der Kultur und der Geschichte aufgreift. Gerichtet ist sie an die deutschen und polnischen Leser, die sich fr das vielschichtige kulturelle Erbe, die europische Zukunft Schlesiens, die polnische Geschichte, Fragen der Gegenwart und fr die deutsch-polnischen Beziehungen interessieren. Eine neue Qualitt bringt in diesem Bereich das ebenfalls in Wrocław an der dortigen Universitt existierende Willy Brandt Zentrum fr Deutschland- und Europastudien. Dieses Zentrum hat drei grundlegende Ziele: wissenschaftliche Forschungen, didaktische Aufgaben und Dienstleistungen. Die ersten von ihnen befassen sich mit Problemen der europischen Integration und den Wechselbeziehungen zwischen Deutschen und Polen in Europa. Der Schwerpunkt in diesem Bereich ist, was verstndlich ist, die Stadt Breslau und die Region Niederschlesien nach der Zeit der Wende von 1989.

    An der uns nher liegenden Europa Universitt Viadrina in Frankfurt an der Oder wurde im Juni 2011  das Zentrum fr interdisziplinre Polenstudien gegrndet, dessen Ttigkeit sich auf die interdisziplinren Polenforschungen im weiteren Sinne konzentriert. Sie vollzieht sich in Form von Forschungen und wissenschaftlichen Arbeiten, thematischen Konferenzen und Seminaren, Publikationen und ffentlichen Diskussionen. Ihm schliet sich ein Jahr spter  das Polnisch-Deutsche Forschungsinstitut am Collegium Polonicum in Słubice an, das beabsichtigt, wie man es auf seiner Internetseite nachlesen kann, wirksam den Wissenstransfer  im Bereich der deutsch-polnischen Problematik im Bereich des Landes, aber auch im internationalen Bereich zu frdern.

    Summa summarum: Dieser stark gekrzte berblick zeigt, dass die Fragen der deutsch-polnischen Beziehungen nicht mehr nur eine Domne der Politik sind, sondern "von unten" im regionalen und lokalen Bereich aufgegriffen werden. Jetzt mssen die Zivilgesellschaften fr ihre Weiterentwicklung sorgen.

Womit soll man anfangen?

    Der Historiker, Literaturkritiker und Publizist Jan Jzef Lipski hat bereits im Jahre 1990 in einem seiner Essays geschrieben, dass wir in den Westgebieten Polens, die auch als die wiedererlangten Gebiete bezeichnet wurden, Depositr (= Treuhnder) des deutschen Erbes dieses Gebietes sind und die Pflicht haben, es zu pflegen. Und er schlussfolgerte: Danach ob er sie erfllt, bewertet man seine Kultur; Europa hat das Recht ihn zur Rechenschaft zu ziehen, weil auch das, was die Deutschen geschaffen haben, und nicht nur das, was Polen geschaffen haben, zur gemeinsamen europischen Kultur gehrt.” Obwohl das Wort "Deposit" sehr ungeschickt ist – adquater wre der Begriff "kulturelles Erbe" –, dieses Wort fhrte zum Thema, ber das gegenwrtig der Diskurs zur "Erinnerungskultur" luft, der mit Sicherheit noch sehr lange dauern wird.

    Es entstehen geschichtliche Monographien dieser Oder-, Warthe- und Netzeregion als Synthesen der Verknotung der kulturellen Mehrschichtigkeit. Dies gilt nicht nur fr Schlesien, Ermland  und Masuren, sondern auch fr Szczecin (Stettin), Gorzw Wlkp (Landsberg an der Warthe) und –besonders sichtbar – auch fr das Gebiet des Netzebruches. Erneuert werden in letzter Zeit Denkmler  der materiellen Kultur. Es entstehen Gedenktafeln, die namhaften Persnlichkeiten gewidmet sind, die diesen Gebieten entstammen. Auerdem entstehen Kompendien der in die polnische Sprache bersetzten schngeistigen Literatur, die sich auf diese Gebiete und ihre ehemaligen Bewohner beziehen. Diese Initiativen tragen ebenfalls zur Wahrnehmung dieser Regionen, in denen wir leben, als kulturelle und historische Regionen bei. Das heit man sieht sie nicht mehr nur durch das Prisma der uns gegenwrtig bekannten geographischen Begriffe und Verwaltungsbegriffe. Im Schaffen dieser bewusstseinsmigen und mentalen Vernderungen spielten auch regionale und lokale Zeitschriften eine fhrende Rolle. Die oft als Reaktion auf  die Bedrfnisse von ganz unten erfolgende problembezogene Berichterstattung ebnet nicht selten den Monographien den Weg, trgt also zu deren Entstehung bei.

    An diesen Arbeiten beteiligen sich auerdem die NROs aus Westpommern und dem Lebuser Land, in denen auch akademische Lehrer von der Universitt Stettin eine Schlsselrolle spielen. Sie grndeten beispielsweise Stowarzysyenie Historyczno-kulturalne Terra Incognita (die Historisch-Kulturelle Vereinigung Terra Incognita’) im westpommerschem Chojna (Knigsberg) oder restituieren die Sektion fr Regionale Forschung von Nadnoteckie Towarzystwo Kultury (Netzebrucher Gesellschaft fr Kultur) im lebuser Drezdenko (Driesen) mit ihrer groen lokalen Tradition. Alle in diesem Text erwhnten NROs haben die Erforschung der lokalen Geschichte in greren regionalen und kulturellen Verflechtungen zum Ziel. So verfhrt im Kontext der polnisch-litauisch-deutsch-jdischen Geschichte z. B. die erwhnte Vereinigung Borussia, die seit 1991 die gleichnamige Vierteljahresschrift herausgibt. So verfhrt ebenfalls, an die neumrkische Geschichte anknpfend, das seit 1995 erscheinende Periodikum Kwartalnik Drezdenecki“ ("Die Driesener Vierteljahresschrift")  und das 2009 gegrndete  Jahrbuch Rocznik Chojeński“.

    Im Ergebnis solchen Dialogs beginnen die kulturellen Grenzen  die geographischen zu ersetzen, deren Nhe nicht die kulturelle Nhe bedeuten muss und umgekehrt. Das stimmt ebenfalls berein mit dem Dialog zum Thema der Entstehung der Kategorie der neuen regionalen Identitt, eines summarischen Begriffs gerade des (weit aufgefassten) Odergebiets.

    Gegenwrtiger Ausgangspunkt fr solche Debatten ist das Nachdenken ber die frheren Bewohner dieser Gebiete. In den Geisteswissenschaften entstand in diesem thematischen Kontext die Kategorie der Gedchtniskultur, die dieses Nachdenken prgt.

    Zu diesem Erbe gehren auch Friedhfe – jdische, deutsche und anderer Nationalitten, zum Beispiel der franzsischen Hugenotten, die diese Gebiete bewohnten. Dass es schlecht um deren Pflege in der lteren und jngeren Vergangenheit bestellt war, und dies aus unterschiedlichen Grnden – nicht immer ideologischen – wissen wir alle.  Es war eine Wahrheit, die beschmt versteckt wurde, weil sie in den Realien und Werten der europischen Standards nicht bequem war. Aber vor der Geschichte kann man nicht fliehen. Es reift die Zeit heran, sich dazu zu bekennen.

    Die Sttten der ewigen Ruhe sind auch Denkmler der Geschichte und des historischen Nachdenkens ber die Einwohner. Ihre Achtung und Bewahrung ist zweifelsohne eine Pflicht der nchsten Generationen. Unabhngig vom Geschichtsverlauf und seiner Wirrnisse. Ihre Pflege ist Beweis fr die Achtung unserer Vorgnger, unabhngig von deren Herkunft, Religion oder Anschauungen.  Ihr Zustand ist ein Mastab nicht nur der Menschlichkeit, sondern auch der zivilisatorischen Standards.

Der erste Schritt – Gedenktafel in  Żabnica

    Die bei Gryfino (Greifenhagen) befindliche  und beinahe von der Oder umarmte  Żabnica (Mnchkappe) ist mit ihrer nicht langen, weil nur etwas ber 260 Jahre zhlenden Geschichte ein sehr kleines Dorf. Der Wegweiser in diese Richtung auf der Durchgangsstrae Gryfino–Szczecin ist versteckt, und er kann nur von einem sehr scharfen Auge oder von jemandem  wahrgenommen werden, der wei, wo er sich befindet. Die Ortschaft Żabnica ist eine kleine Welt, die ihr eigenes abgesondertes Leben im Schatten der groen Hafenmetropole Stettin lebt. Und gerade hier kehrte am 17. November 2013 Geschichte ein. Sie hatte ihren groen Tag, indem sie sich in der Avantgarde der deutsch-polnischen Vershnungsgesten einfand. (Wir alle kennen die Symbolik der Umarmung von Tadeusz Mazowiecki mit dem Bundeskanzler Helmut Kohl am 12. November 1989 im ehemaligen Gutshof des Adelsgeschlechts von Moltke nach der Vershnungsmesse in der schlesischen Ortschaft Krzyżowa (Kreisau). Diese Vershnung gab den Anfang fr authentische Initiativen "von unten.") Und  diesem nicht groen Kreis schliet sich auch diese kleine Ortschaft an, die im Rahmen ihrer Mglichkeiten den Weg zum Friedhof ordnete, eine symbolische Mauer mit alten deutschen Abrissziegeln errichtete und dort eine symbolische Gedenktafel anbrachte, die eine zweisprachige Inschrift folgenden Inhalts enthlt:2014-10-25 15.25.29a

    Es wurde dort auch eine langlebige Tanne gepflanzt. Dem Ganzen ging eine heilige Messe in der Kirche und eine gemeinsame Prozession unter der geistlichen Fhrung des Bischofs Marian Błażej Kruszyłowicz zum Friedhof voraus. An diesem Ereignis nahm eine Delegation aus der benachbarten Odergemeinde Rosow teil. Zugegen waren auch  Vertreter des Landratsamtes in Gryfino (Greifenhangen). Spiritus movens, also die Hauptantriebskraft dieses sehr edlen Projekts im deutsch -polnischen Grenzgebiet war der Bewohner von Żabnica, Prof. Bogdan Matławski, Ethnograph an der Universitt Stettin, bekannt hier als Initiator zahlreicher Kulturveranstaltungen  und Fernsehkommentare hnlicher Veranstaltungen. Er lud den Verfasser dieses Artikels zur Zusammenarbeit beim Realisieren dieses Projekts ein.
    Ansprachen der Mandatspersonen waren sehr engagiert. Deutsche Teilnehmer drckten Ihre Dankbarkeit aus, u.a. durch das Halten Ihrer Reden auf Polnisch, was auch Symbolik der neuen Zeit enthielt – Ausdruck der  Achtung  fr die Sprache des Nachbarn als Kulturtrger. Die Teilnahme des polnischen Bischofs bedeutete, dass die  katholische Kirche sich als Institution weiterhin zur Pflicht der geistigen Fhrung bei dem nicht zu Ende gefhrten Prozess der Verstndigung und Zusammenarbeit berufen fhlt. (Diejenigen, die sich fr den Verlauf dieser Feierlichkeit auf dem Friedhof von Żabnica interessieren, verweisen wir auf die Aufnahmen, die durch das Fernsehen TVP Szczecin fr das Programm "Arka" am 24. XI. 2013 um 17:25 Uhr gemacht wurden.

Der zweite Schritt – kumenisches Kolloquium am 18.V.2014 in Rosow

    Diese weitere Initiative von unten aus dem deutsch-polnischen Grenzgebiet ist sehr wertvoll auch aus dem Grunde, dass sie in ihrer Erweiterung, und eigentlich in ihrer Rckkehr zu ihren Wurzeln, ebenfalls  ein kumenischer Dialog der polnischen  mit den deutschen Geistlichen ist. Die Wurzel, also der Anfang dieses Dialogs war, wie wir wissen, der berhmte Brief der polnischen Bischfe an die deutschen Bischfe, der u. a. die Feststellung enthielt: Wir vergeben und bitten um Vergebung. Dieser Brief wurde  am 18.XI.1995 in Rom  abgeschickt.  Dessen Mitunterzeichner war der damalige Erzbischof von KrakauDenkmal Karol Wojtyła. Dieser Dialog, der heute, so schien es, nur Geschichte sein sollte, ist trotz der sehr vielen positiven Ereignisse, die seit der damaligen Zeit eingetreten sind, in unseren gegenseitigen, in unseren EU- und in verschiedenen gesamteuropischen Beziehungen weiterhin erforderlich. Vielleicht gerade auch deswegen, weil er auf die euroregionale Ebene getreten ist, die neue Mglichkeiten und Bedrfnisse des Gedankenaustausches schuf.

    Eine in dieser Weise vershnende Friedhofsgedenktafel, wie sie der oben beschriebene, an der Oder gelegene Ort Żabnica hat,  haben die meisten polnischen Ortschaften in unseren neuen Westgebieten aus verschiedenen Grnden nicht. Und ihre Existenz gehrt zu den europischen Standards: Achtung auch fr das "fremde" Dasein auf diesen Gebieten.

    Photo. Sł. Fuks

    Diese Achtung und  diese Standards kann man erreichen durch die Fortsetzung dieses Diskurses und das gegenseitige Verstndnis in neuen Rahmenbedingungen, sowohl der politischen, als auch der gesellschaftlich-kulturell-religisen. Der grenzberschreitende Żabnica-Rosow-Dialog trat dadurch in eine weitere Entwicklungsphase ein und nahm die Form von alljhrlichen Debatten an, einmal auf der einen und ein anderes Mal auf der anderen Seite der Grenze. Die erste Auftaktbegegnung solchen Typs fand am 18.V .2014 auf der deutschen Seite der Grenze im Haus des Bibelgartens des Dorfes Rosow statt. Sie wurde eingeleitet durch den Vortrag von Prof. Kazimierz Kozłowski, den ehemaligen Direktor des Stettiner Staatsarchivs und Verfassers der Nachkriegsgeschichte dieser Region.4), zum Thema  Freude der Vershnung mit dem Nachbarn angesichts der schwierigen Geschichte und der konstruktiven gesellschaftlichen Realitt (subjektive Wahrnehmungsweise).”veranstalter2a

    Mit der Auftaktveranstaltung leitete die Initiative der Zivilgesellschaft ihre Ttigkeit unter dem Titel  "Kolloquien von Żabnica und Rosow, also Gesprche zweier Gesellschaften" ein. Ideenstifter und Mitveranstalter waren der Priester Dr. habil. Cezary Korzec und der Vorsitzende des Frdervereins der Gedchniskirche Rosow e. V., Karl Lau, sowie Prof. Bogdan Matławski und der Priester Bogusław Gurgul, Probst in der  Hl. Jana Marii Viannev-Pfarrgemeinde in Żabnica. Nach dem Hauptteil des Programms der Veranstaltung wurde der Verfasser dieses Artikels spontan nach dem Prinzip genius loci fr das weitere Patronatssubjekt dieses deutsch-polnischen Projekts der Akademie eingeladen 5).

    Der Vortrag von Prof. Kozłowski war der Bericht eines Menschen, der die neueste Geschichte nicht nur aus berlieferungen und geschichtlichen Quellen,

    Von links nach rechts : Prof. K. Kozłowski, Urszula Berlińska (Photo Wanda Kmieciak)

    sondern im gleichen Mae aus der eigenen, familiren Erfahrung kennt. Er selbst stammt aus den Gebieten des ehemaligen Ostpolens und seine Lebenswanderung an die Oder war ebenfalls Resultat der zwangsweisen Aussiedlung – oder wie es unsere westlichen Nachbarn bezeichnen – der Vertreibung 6). Das Faktum hnlicher Schicksale der Polen, obwohl theoretisch aus dem allgemeinen Wissen zum Thema dieser historischen Ereignisse bekannt, wurde auf der anderen Seite der Oder kaum wahrgenommen und ist im Alltagsbewusstsein der Deutschen nur selten verankert, was eine krasse Einseitigkeit in der Wahrnehmung und Wertung des Phnomens  der zwangsweisen Aussiedlungen und der daraus resultierenden Bewertungen nach sich zog.  Es war mglicherweise deswegen so, weil die Nachbarn Polens – sowohl diejenigen hinter der Oder, aber auch diejenigen hinter der Elbe – bis dato keine veranstalterMglichkeit hatten, sich mit unserer Erinnerungsliteratur bekannt zu machen, die es de facto bei uns bis 1989 nicht gab und die nach wie vor in deutscher Sprache nicht zugnglich ist. Daher hatte diese Begegnung auch solchen Erkenntniswert. Alle damit verbundenen berlegungen und Folgerungen, die in diesen Bericht eingeflochten sind, waren eine eigenartige "gesprochene Geschichte" (oral history). Diese Geschichte archiviert die im Gedchtnis des Einzelnen existierenden Erinnerungen mit den Vorteilen des Kennenlernens des Klimas dieser historischen Zeit, das mithilfe verschiedenartiger Kompendien oder Geschichtsbcher nicht zu erkennen ist. Das bringt uns durch die eigenen Dfte die Welt, die in menschlichen Erinnerungen mit ihren Dften und Farben festgeschrieben ist, nahe und als "subjektive Erzhlungen sind sie Grundlage der gesellschaftlichen Bindungen, bauen das Bewusstsein des Ortes und der lokalen Identitt" 7). Der zitierte theoretische Bericht setzt diesen gedanklichen Faden

    Von links nach rechts: Dr. hab. Cezary Korzec, Prof. Bogdan Matławski und  Dr. Andrzej Talarczyk (Photo Wanda Kmieciak)

    fort: Dialog zwischen dem Erzhlenden und dem Zuhrenden;  Dialog, der erlaubt, sich zu treffen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, zwischen  damals” und jetzt”, zwischen dort” und hier” 8).

    Und gerade so war es  am 18.V.2014 in Rosow. Dieses Klima vertiefte die Diskussion, in der der Gedanke der franzsisch-deutschen Vershnung als Muster aufgegriffen wurde, zu dem die deutschen undsitzgruppe franzsischen Bischfe aus Anlass des im Jahre 2013 begangenen 50. Jahrestages der Unterzeichnung des lyse-Vertrages in einer gemeinsamem Erklrung feststellten, dass die auf seiner Basis entstandene Freundschaft  Zentrum der europischen Vershnung sei. Die oben erwhnte, symbolische deutsch-polnische Vershnung am 12. November 1989 in Kreisau leitete etwas ein, wofr die Begegnungen an der Oder in Żabnica und Rosow eigene lokale Akzente setzen, zu denen  auch der kumenische Gottesdienst’ der Vershnung am 1. September 2013 gehrte, der in der 2007 wieder aufgebauten Kirche in Rosow mit Priester Bogusław Gurgul (Żabnica) und Pfarrer Axel Luther (Berlin) gefeiert wurde. 

    Aber zurck zum Hauptfaden der Ausfhrungen: Bedeutsam ist der von deutscher Seite gemachte Vorschlag, vorrangig danach zu suchen, was die Katholiken mit den Protestanten verbindet, und nicht, was sie trennt.

    Zum Schluss aus Grnden der Vollstndigkeit ein Hinweis: Die Begegnung am 18.V.2014 wurde musikalisch von jungen

      (Photo Wanda Kmieciak)

    Einwohnern Rosows mit polnischen Pssen musikalisch umrahmt.

    Es ist ein neues kulturell-soziologisches Phnomen des deutsch-polnischen Grenzgebietes, dass  eine bevlkerungsmige Mischung auf beiden Seiten der Grenze entsteht, die Normalitt und Alltglichkeit schafft. Eine solche Normalitt ist beispielsweise bereits an der deutsch-franzsischen und deutsch-dnischen Grenze wahrnehmbar, und sie wird die neue deutsch-polnische Grenze zu einem Ort machen, der nicht mehr, wie in den letzen Jahrzehnten, trennt, sondern verbindet. Die Nhe der Metropole Stettin verleiht dem Ganzen eine grere Dynamik. hnliche Erscheinungen mit einer etwas geringeren Intensitt  kann man auch in den Grenzgebieten vom Lebuser Land und vielleicht auch in Schlesiens sehen. Das wird weiter die gegenseitigen nachbarschaftlichen Beziehungen stabilisieren und ist sicherlich eine Rckkehr zur historischen Situation, als dGruppe2ie deutsch-polnische Grenze jahrhundertelang – vom spteren Mittelalter an bis zu den Teilungen Polens – eine der stabilsten und dauerhaftesten  in Europa war. Und solche neue Symbiose bildet sich in dieser kleinen Ecke des Oderlandes, dessen Modellhaftigkeit fr das neue Kapitel in den deutsch-polnischen Beziehungen in dem Dokumentarfilm "Diffusion" von den Brdern Michał und Paweł Kulik gezeigt wurde. Die Premiere des Films fand am 30. Januar 2010 gerade an diesem symbolischen und verbindenden Ort, der mit EU-Mitteln restaurierten, evangelisch-augsburgischen (Gedchtnis-)Kirche Rosow statt. Rosow wurde zu einem Ort des Dialogs und des Festes der Musik fr die Bevlkerung des Umlandes, zu der man wohl auch die Einwohner Stettins, dessen Zentrum knapp 15 km von der Grenze entfernt ist, zhlen kann. Grenze trennt nicht mehr, sondern verbindet. Einer der Helden dieses Filmdokuments ist der deutsche genius loci auch dieses Żabnica-Rosow-Modells – der

      Der dritte von links: Karl Lau (Photo Wanda Kmieciak)

    Ortsvorsteher des Dorfes Rosow, Karl Lau. Er  initiierte und leitete  u. a. die Renovierung der 2007 wieder aufgebauten Kirche.

Und was weiter?

    Ein  weiterer geplanter Schritt dieses grenzberschreitenden Diskurses wird eine Begegnung in Żabnica im Oktober 2014 sein, zu der dieses Mal von deutscher Seite ein Referent eingeladen wird. Er wird in einem Impulsreferat Anstze zur grenzbergreifenden Zusammenarbeit aus deutscher Sicht darstellen, die durch Beitrge aus dem Auditorium ergnzt werden.

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  1. Der Verfasser des Textes ist Mitarbeiter der Arbeitssttte Vergleichende Literaturwissenschaften im Institut fr Deutsche Philologie der Universitt Stettin und Prses von Nadnoteckiego Towarzystwa Kultury in Drezdenko (Driesen) und seiner Sektion der Regionalforschung.
  2. Er bersetzte den polnischen Text der Gedenktafel ins Deutsche.
  3. Es ist ebenfalls eine Herausforderung fr die Kirchen in der neuen Wirklichkeit, die der Philosoph Karl Popper in seinem berhmten Werk "Offene Gesellschaft und ihre Feinde" beschrieb und welches  fr das Verstndnis der Epoche, in der wir leben, von fundamentaler Bedeutung ist.  Die deutsche Gesellschaft, insbesondere in ihrem stlichen Teil, ist stark skularisiert. Und das ist eine groe Herausforderung fr die dortige Kirchen, ebenfalls als Institutionen.
  4. Siehe: Kazimierz Kozłowski: Pomorze Zachodnie w latach 1945-2010, Band 1 und 2. Szczecin: Wydawnictwo Naukowe Uniwersytetu Szczecińskiego, 2012.
  5. Die Hauptursache dieser Hinzufgung ist seine sehr groe Kenntnis der gesellschaftlich-kulturellen Wirklichkeit Deutschlands, die aus lngeren Studienaufenthalten an ost- und westdeutschen Universitten resultiert  und aus dem Faktum der Zusammenarbeit mit zahlreichen Institutionen der Kultur und Wissenschaft dieses Landes, was hatte zur Folge u.a. das Initiieren durch ihn gemeinsam mit der Ostsee-Akademie in Lbeck-Travemnde der 1974 im Rostocker Verlag Hinstorff edierten. Nicht ohne Bedeutung  ist ebenfalls die geplante Zusammenarbeit im Rahmen der Edition der zweisprachigen Serie Nowomarchijskie Badania Kulturoznawcze/Neumrkische Kulturforschung“ im Wissenschaftlichen Verlag der Universitt Stettin, die Dr. Talarczyk initiierte als Mitarbeiter dieser Uni und Prses von Nadnoteckie Towarzystwo Kultury und ihrer Sektion fr regionale Forschung, zu der ebenfalls Prof. Bogdan Matławski gehrt.
  6. Den Text dieses Auftritts  kann man auf der folgenden Internetseite finden: kolokwiarz.pl
  7. Siehe: Natalia Ciak: Historia historii mwionej. W: Kulturalny Wawer. Internet. ugang 19 VII 2014.
  8. Ebenda.

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